Archiv für den Monat: November 2012

Inklusion betrifft alle

Wer nimmt eine kleine Weltreise auf sich, um die Inklusion zu unterstützen? Ich! Und das, obwohl ich im Winter eher ein Couch-Potato bin und lieber zuhause bleibe. Aber: Das Inklusive Filmfestival „Überall dabei“ der Aktion Mensch machte Station in Heidelberg. Und wenn schon mal was Inklusives angeboten wird, dann wollte ich das unterstützen. Also erst 10 Minuten Straßenbahn bis zum Hauptbahnhof Mannheim, dort 10 Minuten warten,  dann weitere 23 Minuten Fahrt in der S-Bahn bis zur Heidelberger Altstadt und dem Karlstorkino. (Ich vergaß zu erwähnen, dass ich derzeit ohne eigenes Auto, dafür aber mit ÖPNV und Carsharing mobil bin.)

Kinoträume inklusive

Genug Zeit zum Philosophieren auf der Fahrt. Ich überlege: „Wenn Inklusion realisiert wäre, dann würde ich als Schwerhörige jetzt nicht extra mit der Bahn durch die Nacht fahren. Ich könnte dann jederzeit auch in Mannheim Kinofilme barrierefrei sehen.“ Wie könnte das aussehen? Reicht etwa ein regelmäßiger Filmtag z. B. mit aktuellen untertitelten Filmen, Hörfassungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, spezielle Tonfassungen für schwerhörige Menschen, Kinoton über Induktionsanlagen … Meine Phantasie geht mit mir durch, ich sehe schon große Kinohäuser, die mindestens einen ihrer Kinosäle generell barrierefrei und zugänglich gestalten. Immer, jeden Tag. Du kannst hingehen, wann du willst, und Filme barrierefrei schauen.

Aber ich fahre ja nicht nur wegen der Barrierefreiheit durch die Nacht. Das Festival und die gezeigten Filmbeiträge setzen sich auch genau mit dem Thema Inklusion auseinander. Und der Film, den ich sehen will, heißt „Deaf Jam“. Es geht um eine gehörlose Schülerin in den USA, die während eines Schulprojekts ‚deaf poetry‘ lernt.

Poesie direkt und unmittelbar: Deaf Jam

Die Schülerin Aneta drückt dabei ihre Gefühle in Gedichtform mit eigenen neuen Gebärden und Gebärdenbildern aus. Das Ganze bekommt eine weitere Dimension, als sie bei Poetry Slams auch vor Hörenden auftritt und später als israelische Einwanderin gemeinsam mit einer hörenden palästinensischen Einwanderin auftritt. Es ist eine einzigartige Performance, auf die auch der entsprechende Film-Trailer gut einstimmt.

Der Film hat mich als Zuschauerin sehr berührt, es war sehr lebendig und gefühlvoll. Und auch nachdenklich – denn es kommen auch die Ängste der Schüler zur Sprache, die Fragen nach dem, was nach der Schule kommt. Wie wird man sich zurechtfinden außerhalb der Gehörlosenschule, außerhalb der Gehörlosengemeinschaft, wo die Mehrheit mit Lautsprache und nicht mit Gebärden kommuniziert?  Wie kann ein Studium finanziert werden, wenn die Einwanderer noch nicht eingebürgert wurden?

Was mir besonders gut gefiel, waren die Untertitel. Diese wurden nicht so, wie man’s vom Fernsehen kennt, unten eingeblendet, womöglich vor schwarzem Hintergrund. Nein, die Untertitel waren Bestandteil des Films – sozusagen inklusive. Sie wurden grafisch den Gebärden angepasst und waren richtig hineinverwoben in die Darstellung der jugendlichen Dichter.

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht?

FM-Anlage
FM-Anlagen senden Ton z.B. per Mikrofon in einen mobilen Empfänger, der dann per Kopfhörer oder Induktionsschleife den Ton zum Ohr oder Hörgerät transportiert.

Natürlich wollte ich als Hörgeräteträgerin auch die Induktionsanlage nutzen, die in der Veranstaltungsbroschüre aufgeführt war. Ich wollte alles mitnehmen, was ‚inklusiv‘ bedeutet. Leider kannte sich der Mensch vor Ort kaum mit dieser Technik kaum aus. Ich zeigte ihm, dass ich die T-Schlinge aus seinem FM-Koffer bräuchte und natürlich den Empfänger. Doch die Anlage funktionierte nicht.

Bei der offiziellen Begrüßungsrede zögerte ich  und dachte, vielleicht war die Technik ja nur für den Kinoton vorgesehen. Außerdem gab es Mikrophon, Lautsprecher, Schrift- und Gebärdendolmetscher für den Redner – ich verstand also alles.

Aber dann sitzt du in der Mitte der Kinoreihe, Licht aus, Film ab – kein Ton über Induktion. Du probierst die Kanäle durch… Nichts! Und dann gibst du auf, lässt du’s irgendwann bleiben. Außerdem denkst du, dass dir in diesem speziellen Film – über Gebärdenpoesie – der normale Lautsprecherton reicht, weil es hier sowieso um das Sehen und Spüren geht.

Ich habe also erst nach dem Film, beim Abgeben der Geräte gesagt, dass es nicht funktioniert hat, und bin gegangen. Den Veranstaltern habe ich tagsdrauf per E-Mail das technische Problem geschildert.

Im Nachhinein erkenne ich, dass ich mich besser gleich direkt hätte melden müssen. Denn erstens: Wie sollten die Veranstalter sonst davon erfahren, dass die Technik nicht funktioniert? Und zweitens: weil Inklusion alle betrifft.

Es geht doch nicht, dass ich sage: „Na ja, ich kann’s ja auch ablesen.“ Denn wenn die Kinoton-Übertragung für FM-Anlage nicht funktioniert, könnte das ja rein theoretisch auch Sehgeschädigte und ihre Hörfassungen betreffen. Wer also was sagt, hilft unter Umständen nicht nur sich selbst, sondern auch andern. Das wäre dann ein wirklich inklusives Verständnis.

Und deshalb steht dieser Artikel unter der Kategorie: „Zeigen“. Und auch im Zeigen macht Übung den Meister.

  • Ich notiere mir: Inklusion ist, wenn ich über mich hinausdenke.
  • Das Inklusive Filmfestival „Überall dabei“ ist übrigens bis Mai 2013 in rund 40 Städten zu erleben. Vielleicht auch in einem Kino in eurer Nähe – ohne Weltreise.
  • Im Rahmen des Festivals findet außerdem der Poetry Slam-Wettbewerb „BÄÄM! Der Deaf Slam“ sowie begleitende Workshops für hörende und gehörlose Nachwuchs-Poeten statt, die ihre Gedichte mit Worten und Gebärden ausdrücken.
  • Und wie würdet Ihr den Satz „Inklusion ist …“ beenden?

Eine Minute für Dich

Achtsamkeit üben, und nur eine Minute Zeit? Wie das geht, zeigt ein netter Trailer zu einem Buch von Martin Boroson – One Moment Meditation / Stille in einer hektischen Zeit:

Spontan fallen mir natürlich noch weitere Möglichkeiten ein, was in einer Minute möglich ist:

  • Eine Minute Hängematte …
  • Das Gesicht zur Sonne drehn, die Augen schließen.
  • Einatmen und dabei „ich“ denken, ausatmen und dabei „bin“ denken – eine Minute lang.
  • Achtsam Tee trinken und/oder achtsam Rosinen  essen (aus der MBSR-Praxis)
  • Fenster öffnen und die Luft draußen einatmen, tief durchatmen.
  • An etwas Schönes denken, das mich Lächeln macht.
  • Spontanes Qigong (den Körper, Arme und Glieder ausschütteln oder fließend bewegen, gerade so wie’s der Körper will)
  • Der 1-Minuten-Körper-Check (Muskeln nach und nach an- und entspannen, ähnlich wie Progressive Muskelrelaxation, nur sehr viel kürzer).

Was machst Du in einer Minute für Dich?

 

Farbe bekennen in der Bewerbung

Bild von See und Sonnenschein - auf Asphalt gemalt

Ein bunter Lebenslauf ist eine feine Sache: diverse Ausbildungen, Studienzeiten, Umbrüche, Auszeiten, Neuanfänge, Praktika, verschiedene Arbeitgeber, dazu viele Hobbys und Ehrenämter. Soviele Erfahrungen, soviele Talente, so ein vielseitiger Mensch! Freuen sich Arbeitgeber über diese erwiesene Flexibilität? Oder überwiegt die Befürchtung, dass ein solches Multitalent in der eigenen Firma fehl am Platze ist.

Ich glaube: Sowohl als auch. Das Bunte passt natürlich sehr gut ins Klischee der Künstler und der Werbebranche, während ein Sachbearbeiterposten eher seltener auf solche Paradiesvögel wartet. Wer sich auf eine ’normale‘ Stelle bewirbt, muss für die Arbeitgeber wohl ins ’normale‘ Bild passen.

Und häufige Richtungswechsel passen dann schwer ins übliche Bewerbungsschema. Haben also all die bunten Menschen keine Chancen als Angestellte – außerhalb der einschlägigen Branchen? Wie könnte eine Bewerbung gelingen, wie kann man Farbe zeigen, ohne die eigene Persönlichkeit zu verschleiern und sich zu verbiegen?

Patchwork-Lebensläufe sind heute normal

Ich meine, dass sehr viele Menschen heute bunte Erfahrungen vorweisen können. Patchwork-Lebensläufe sind doch an der Tagesordnung, man spricht auch schon von der Generation Praktika. Die Zeiten der lückenlosen Lebensläufe sind endgültig vorbei. Und es gibt ja auch keine sicheren Lebensstellen mehr.

Das mag beängstigen – kann aber auch befreien. Wenn schon der potenzielle Arbeitgeber keine sichere Stelle anbieten kann, warum soll ich ihm dann irgendetwas vormachen? Irgendeine lückenlose Karriere, irgendeine stromlinienförmige Ausrichtung auf genau diesen Job? Nein, wir dürfen ehrlich sein – es geht allenfalls um Lebensabschnitts-Jobs – in denen wir viel lernen können, von denen wir uns aber auch nicht abhängig machen dürfen. Wenn wir uns bewerben, dann mit der Persönlichkeit und den Zielen, die uns ausmachen.

Persönlichkeit zeigen – von Anfang an

Ich bewerbe mich zwar aktuell nicht, halte aber für alle Fälle immer meinen Lebenslauf parat. Und ich stelle fest, dass ich kaum mehr mit einem zwei oder drei Seiten langen tabellarischen Lebenslauf auskomme. Meistens muss ich die Schriftgröße verkleinern und hoffen, dass es dennoch lesbar und übersichtlich bleibt. Deshalb habe ich eine Rubrik „Was mich ausmacht“ auf der dritten Seite eingeführt. Ich kann auf diese Weise in wenigen Worten unterstreichen, wie mein Lebenslauf mit meiner Persönlichkeit zusammenhängt und warum es passt, dass ich mich für die jeweilige Stelle bewerbe. Außerdem ist es eine weitere Chance, den Menschen anzusprechen, der die Bewerbung liest.

Auch das Anschreiben ist eine Kunst für sich, wenn ich es auf eine Seite beschränken will. Immerhin sollen Hinweise zur Ausbildung und beruflichen Erfahrung hinein – und dazu noch die verschiedenen Punkte aus der Stellenbeschreibung. Bisher habe ich es nur geschafft, indem ich streng auswähle und mir überlege, was von all diesen bunten Erfahrungen den möglichen Arbeitgeber wohl am ehesten interessiert.

Die meisten Bewerbungsratgeber bringen das gut auf den Punkt:

  1. Gehe vor allem auf die Anforderungen ein, die in der Stellenausschreibung genannt werden.
  2. Sei authentisch, wenn du schreibst, warum dich die Stelle interessiert.
  3. Belege deine Ausführungen durch anschauliche Beispiele: Eigenschaften wie Teamfähigkeit z.B. kannst du damit belegen, dass du Kollegen bei hohem Arbeitsaufkommen schon immer gerne unterstützt hast oder ihnen auch mal eine Programmfunktion erklärst oder ähnliches – wenn es denn so ist.

Ehrlichkeit schützt

Und wie erzähle ich von mir, wenn ich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalte? In einem Bewerbungsgespräch sagte der Personaler sinngemäß: „Bitte beschreiben Sie doch mal kurz Ihren Werdegang und die verschiedenen Berufsstationen idealerweise so, dass Sie heute nun genau hier bei uns sind.“ Worauf ich erst mal kräftig schlucken und – wie ertappt – lächeln musste. Das hat er bestimmt auch gesehen. Ich habe dann ziemlich viel, ziemlich lang erzählt, bis ich das Gefühl hatte, dass ich zu weit vom Thema abschweife, und es wurde schwer, dann tatsächlich zu diesem Job zurückzukommen. Die Stelle habe ich damals nicht bekommen.

Ich bin da wohl einfach zu offen. Wenn ich eine solche Aufforderung höre, die in meinen Augen einfach nicht ernst gemeint sein kann, dann muss ich darüber lächeln – ganz unwillkürlich, unverstellt. Trotzdem habe ich versucht, das Unmögliche umzusetzen. Aber wahrscheinlich besteht die Chance darin, hier wirklich offen zu sein. Dann hätte ich besser gesagt, dass es in meiner Erfahrung so ist, dass eben nicht alles im Leben immer folgerichtig aufeinander aufbaut. Und dann hätte ich einfach kurz die einzelnen Stationen in meinem Leben aufgeführt. Und am Ende hätte ich nochmal bekräftigt, was mich an dieser Stelle interessiert.

Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich mich nicht verbiegen, kann ich so sein, wie ich bin, verschwende keine Energie darin, eine Fassade zu erzeugen. Wenn ich ehrlich bin, bin ich mit mir im Reinen, und dann kann mir keiner was.

Vorstellungsgespräche sind leider Prüfungsszenarien. Es kommt dabei noch nicht mal auf die Antworten an. Es geht einfach darum, wie die Bewerber auf verschiedene Fragen reagieren. Jede Seite bereitet sich umfassend vor. Und natürlich möchte ich auch, dass der Arbeitgeber meine Bewerbung ausführlich liest, wenn ich schon soviel Arbeit hineinstecke. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass in den Bewerbungsverfahren immer öfter die Authentizität auf der Strecke bleibt. Lernen sich die beiden Seiten wirklich kennen? Der Arbeitgeber spielt sein Spiel und die Bewerber auf der anderen Seite ihres. Wie ehrlich sind Bewerbungsverfahren heutzutage?