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Rebecca Niazi-Shahabi: Ich bleibe so scheiße, wie ich bin

Frau mit Tüte Pommes, sitzend auf Sofa vor dem Fernseher
Einfach so bleiben? Oder runter von der Couch und ab zum Coach Potato?

„Und was haben wir daraus gelernt?“ Das ist eine Frage, die sich den Simpsons nach einem Chaos üblicherweise stellt. Üblicherweise heißt die Antwort: „Gar nichts.“ Die Figuren in der Trickserie bleiben wie sie sind, ihre Handlungen sind vorhersehbar, und sie landen zielsicher immer wieder in derselben Bredouille. Man könnte noch ergänzen, das Publikum liebt sie genau dafür.

Rebecca Niazi-Shahabi leitet daraus einige interessante Ideen ab. Nämlich keine Philosophie zur persönlichen Weiterentwicklung, sondern einen Anti-Ratgeber: „Ich bleibe so scheiße, wie ich bin.“

Den Buchtitel fand ich zunächst blöd. Erstens liegt es mir fern, mich als scheiße zu bezeichnen, und zweitens möchte ich mich natürlich weiterentwickeln. Und natürlich möchte ich im Leben etwas dazulernen. Natürlich! Natürlich?

Ist Weiterentwicklung natürlich?

Die Neugier war größer als meine Abneigung gegen den Titel. Ich habe mir also das E-Book gekauft. Und schon nach den ersten Zeilen stellte sich bei mir eine angenehme Entspannung ein. Niazi-Shahabi lädt dazu ein, locker zu bleiben. Im Grunde verbreitet sie ein Plädoyer für mehr Selbstakzeptanz und Selbstliebe.

Ich lese folgende Tipps heraus:

  • Akzeptiere dich, wie du bist. Handle nicht mehr gegen deine Natur.
  • Erkenne deine Schwächen – und mach sie zu deinen Stärken.
  • Erkenne deine eigenen Motive – und wehre die Ansprüche der anderen ab.

Doch das Buch hat mehr zu bieten. Niazi-Shahabi untersucht viele Aspekte, die mit dem Thema Selbstoptimierung und der Suche nach Glück und Zufriedenheit zusammenhängen. Dabei spannt die Autorin einen Bogen von Aristoteles über das Christentum zur calvinischen Arbeitsmoral. Letztere sei schuld, wann immer wir ein schlechtes Gewissen hätten, sobald wir uns amüsieren oder faulenzen. Heute spielten auch die Leistungsgesellschaft und die Arbeitslosenzahlen eine große Rolle.

Oder ist es ein Wahn?

Niazi-Shahabi spricht von einer Selbstverbesserungspropaganda, die uns ständig ermahne, uns gesund zu ernähren, Sport zu treiben, überflüssige Pfunde zu verlieren, an Beziehungen zu arbeiten, lebenslänglich zu lernen, achtsam zu sein, unsere Träume zu leben und erfolgreich Karriere zu machen…

Als ob ständige Anstrengungen erforderlich seien, um nur endlich das ‚richtige Leben‘ zu führen. Dieser Wahn führe dazu, dass man an seinem wirklichen Leben quasi vorbeilebe, weil

  • … es ja noch nicht das ‚richtige Leben‘ sei,
  • … man ‚eigentlich‘  ja noch dies und jenes erreichen wolle,
  • … man dazu erstmal dies und jenes optimieren müsse.

Mit dem Selbstoptimierungswahn sei es wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel, man könne nicht gewinnen. Nie sei man gut genug – und obendrein sei man auch noch selbst schuld daran.

Wenn die vielen Ratgeber, Selbsthilfebücher, Coaches uns versprechen, dass man nur richtig an sich arbeiten oder ‚positiv denken‘ müsse, um sich zu verändern, dann müsse man sich im Umkehrschluss ja erst recht als Versager fühlen, wenn es nicht gelingt. Burnout und Depression könnten folgen, je öfter wir uns in diese Maschine begeben.

Auf dem Weg zur Freiheit

Alles in allem spricht die Autorin eine Warnung vor Weiterentwicklung aus: Alles nur verlorene Zeit und Mühe – ob es um den Kampf gegen das Rauchen oder gegen die Kilos geht. Die einzige Ausnahme: Wenn man seinen Alltag sonst nicht mehr bewältigen kann – also, wenn man krank ist.

Alle anderen sollten sich gründlich überlegen, ob das, was sie an sich verändern möchten, nicht vielleicht auch einen Vorteil darstellt. Leide ich unter Perfektionismus oder darunter, dass ich unordentlich bin? Will ich viel erleben und ausprobieren oder Karriere machen? Bin ich vielleicht lieber kein Organisationstalent, sondern bleibe ein kreativer Chaot?  Und habe ich nicht vielleicht doch bessere Chancen beim anderen Geschlecht, wenn ich so bleibe, wie ich bin? Ganz authentisch ich – mit meinen Pfunden?

Dieses Buch ist ein guter Begleiter für einen entspannteren Umgang mit dem Optimierungsdruck. Es regt an, sich über die eigenen Motive klar zu werden, bevor man ein Selbstoptimierungsprojekt startet. Und es lädt dazu ein, die Erwartungen von anderen bzw. der Gesellschaft zu hinterfragen und über alternative Lebenskonzepte nachzudenken.

Tipps/Methoden:

  • Konfrontation mit wiederkehrenden Aussagen der Selbstoptimierungsindustrie wie z.B. „Sie haben alle Möglichkeiten, es liegt nur an Ihnen, was Sie daraus machen.“
  • Sich den Erwartungen von anderen Menschen verweigern. Nicht mehr rechtfertigen oder entschuldigen, sondern einfach mal  sagen „Dazu habe ich keine Lust“ oder „Das ist mir zu anstrengend.“
  • Sich ausmalen, wie es wäre, nichts tun zu müssen bzw. wenn man alles tun könnte, was man wolle. Echte Freiheit verspüren, wenn man nicht mehr das Beste aus sich herausholen müsste.

Zitate:

Wer besser werden will, hat’s nötig!

Erklären Sie an sich selbst nichts mehr zum Problem, dann wird alles gut.

Rebecca Niazi-Shahabi: Ich bleibe so scheiße, wie ich bin – Lockerlassen und mehr vom Leben haben. Erschienen 2013 im Piper Verlag, als Taschenbuch oder  E-Book erhältlich. ISBN 978-3-492-95914-8

 

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Love what you do - kleines BildTu, was Du liebst. Und liebe, was Du tust. Dieser Satz kam mir neulich in den Sinn, als ich drauf und dran war, ein Bild „tot“ zu malen.

Gut, es mag eine Binsenweisheit sein. Aber es sind oft die einfachen Prinzipien, die im Alltag vergessen werden. Dass uns die Dinge leichter von der Hand gehen, die wir lieben, ist logisch. Und wie funktioniert der Umkehrschluss? Kann ich einfach alles lieben, was ich sowieso tu und auch tun muss?

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